• Eine ökologische und ökonomische Erneuerung

Eine ökologische und ökonomische Erneuerung

15.04.2020 THOMAS AMMANN dipl. Arch. FH, Ressortleiter Energie- und Bautechnik beim HEV Schweiz

CO2-Einsparung – Ökologie und Ökonomie müssen sich nicht ausschliessen. Das dem so ist, zeigt die Sanierung eines Wohnblocks in Glattbrugg, dessen CO2-Ausstoss in nur 25 Tagen auf null gesenkt wurde.

In Glattbrugg steht ein Mehrfamilienhaus aus dem Jahr 1956, wie es sie in der Schweiz noch zuhauf gibt, mit sieben Wohnungen von 1,5 bis 3,5 Zimmern. Die Liegenschaft ist in den vergangenen Jahren gut unterhalten und leicht modernisiert worden. 2016 wurden neue Küchen und teilweise Schallschutzfenster eingebaut. Der Energieverbrauch mit jährlich ca. 12 000 Litern Heizöl und der damit verbundene CO2-Ausstoss von 33 500 kg war jedoch beträchtlich. 

Hinsichtlich möglicher Sanierungsstrategien hat die Umwelt Arena Schweiz, zusammen mit dem Architekten René Schmid und anderen Fach- und Ausstellungspartnern, verschiedene Varianten geprüft. Aufgrund der möglichen Ausnutzungsreserve auf dem Grundstück wäre ein Neubau durchaus eine Option gewesen. Dagegen sprachen, wie auch gegen eine Totalsanierung mit Leerkündigung, die Lage im fluglärmgeplagten Glattbrugg sowie die soziale Verantwortung gegenüber den aktuellen Mietern. 

Es sollte eine Lösung gefunden werden, die mit begrenztem Aufwand ein Optimum an Energieeffizienz herausholen kann. «Für die Energiewende müssen alle einen Beitrag leisten. Dank sinnvoller Lösungen gibt es dabei auf allen Seiten Gewinner: die Umwelt, die Eigentümer und die Mieter», sagt Walter Schmid, Stiftungsratspräsident der Umwelt Arena Schweiz.

Sanierungsmassnahmen

Das gewählte Sanierungskonzept sah vor, jene Bauteile, die kosteneffizient energetisch verbesssert werden können, mit einer Wärmedämmung zu versehen. Photovoltaikpaneele sollten einen Grossteil des Stroms selbst erzeugen und das Haus sollte anhand eines intelligenten Heizsystems möglichst CO2-neutral mit Wärme versorgt werden.

Die kostengünstigste Wärmedämmung liess sich an der Kellerdecke und auf dem Dach anbringen. Eine weitere Energieeinsparung brachte zudem der Ersatz der noch alten Fenster im Sockelgeschoss. Bewusst verzichtet wurde auf eine Fassadendämmung. Diese hätte energetisch zwar viel gebracht, wäre jedoch auch sehr teuer geworden.

Das Walmdach wurde komplett mit Photovoltaikpaneelen eingedeckt. Zusätzlich wurden auch die Balkonbrüstungen mit Photovoltaikelementen verkleidet. Diese liefern im Winter bei niedrigem Sonnenstand mehr Energie als die Anlage auf dem Dach.

Intelligentes Energiesystem

Die zentrale Rolle des Energiesystems übernahm die Hybridbox. Diese kompakte Einheit, bestehend aus Wärmepumpe und Wärmekraftkopplung mit Wärmerückgewinnung, verfügt über eine intelligente Steuerung, die Strom und Biogas vorausschauend einsetzt. Die Anlage kann flexibel auf Produktionskriterien wie Wetter und Wärmebedarf reagieren. Hierbei können problemlos Vorlauftemperaturen von > 60° C und – für die Brauchwarmwassererwärmung – bis 80° C produziert werden. Gleichzeitig ist die Anlage fähig, das gesamte Energiemanagement des Gebäudes mit Stromproduktion, Batteriespeicher und Eigenstromverbrauchsoptimierung zu übernehmen.

Sinken die Temperaturen in der kalten Jahreszeit, stehen klassische Luft-Wasser-Wärmepumpen bei einer solchen Sanierungsvariante vor einer grossen Herausforderung. Wärmeverteilsysteme in Gebäuden, die vor 1980 erbaut wurden, verlangen aufgrund der kleinen Heizkörper und der schwachen Gebäudehüllendämmung hohe Vorlauftemperaturen. Entsprechend ineffizient ist der Betrieb der Wärmepumpe genau dann, wenn wenig Solarstrom zur Verfügung steht. In der Hybridbox kommt dann die Wärmakraftkoppelung zum Zug.

Reicht der Solarstrom im Winter nicht aus, erzeugt die Hybridbox einen Teil des notwendigen Stroms für das Gebäude und gibt den Überschuss an das Netz ab. Die dabei produzierte Wärme wird zu 100 % im Gebäude genutzt. Somit speist dieses Gebäude sogar im Winter Strom ins Netz ein und unterstützt so die Produktion von CO2-neutralem Strom im Winter.

Ökologie

Der ursprüngliche Heizölverbrauch von rund 12 000 Litern konnte auf einen Bedarf von 1750 m3 Erdgas gesenkt werden. Dies entspricht einer Einsparung von 85 %. Für die Liegenschaft wird 100 % Biogas bezogen, wodurch sich der CO2-Ausstoss auf null reduziert und das Absenkziel für 2050 bereits erfüllt ist.

Die Potovoltaikanlagen produzieren über das gesamte Jahr hinweg 23 000 kWh Strom. Dank der Paneele an den Balkonbrüstungen erfolgt der Ertrag über das Jahr ausgeglichener als bei einer reinen Dachanlage. Eine zusätzliche Salzbatterie unterstützt den Eigenstromverbrauch, indem der Tagesstrom für die Nacht gespeichert werden kann.

Ökonomie

Walter Schmid ist aber nicht nur Umweltpionier, sondern auch Unternehmer. Entsprechend müssen seine Investitionen auch wirtschaftlich bestehen.

Wichtig in diesem Zusammenhang war daher auch die Bauzeit. In nur 25 Arbeitstagen konnten sämtliche Arbeiten erledigt werden. Dadurch wurden die Mieter weniger belastet, konnten in den Wohnungen bleiben, und es kam zu keinen Mietzinsausfällen. Die Handwerker mussten möglichst viel vorfabrizieren. Das führte dazu, dass besser geplant wurde und es auf der Baustelle zu weniger Leerläufen kam.

Die gesamte Erneuerung kostete am Ende Fr. 537 000.–. Mit je rund Fr. 120 000.– haben die Photovoltaikanlage und die Hybridbox die grössten Kostenanteile ausgemacht. Da die meisten Arbeiten einen energiesparenden Charakter hatten oder der Erzeugung erneuerbarer Energie dienten, konnten 55 % der Investitionen auf die Mieter überwälzt werden. Für eine 3-Zimmerwohnung beträgt der Aufschlag monatlich Fr. 170.–. Gleichzeitig sinken aber die Heiznebenkosten um Fr. 54.– pro Monat. Entsprechend steigt der Bruttomietzins von bisher Fr. 888.– auf Fr. 1004.– an. Ein moderater Anstieg, wenn man die ökologischen Verbesserungen betrachtet.

Projekt mit Vorreiter-Potenzial

Die Sanierung des Mehrfamilienhaus in Glattbrugg ist das Resultat eines klaren Konzepts: Bauteile, die angefasst wurden, wurden auch richtig und umfassend erneuert. Jeden Franken investierte man dort, wo er am meisten nützt. Eine Vorgehensweise, die bei vielen anderen Objekten auch umgesetzt werden könnte. Walter Schmid dazu: «Bei allen grösseren Überbauungen, von denen man weiss, dass die Substanz noch 30 bis 40 Jahre hält, sollten jetzt solche Sanierungen umgesetzt werden.»

Weitere Informationen

Das Sanierungskonzept für das Mehrfamilienhaus in Glattbrugg wurde von der Umwelt Arena Schweiz, gemeinsam mit Fach- und Ausstellungspartnern, entwickelt. In der Umwelt Arena finden interessierte Bauherrschaften alle Komponenten, die für eine solche Erneuerung nötig sind. Um das Konzept und die Möglichkeiten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat die Umwelt Arena Schweiz in Spreitenbach die Ausstellung «Sanierung in 25 Arbeitstagen» realisiert. Die Umwelt Arena gibt u. a. Antworten auf Fragen zum nachhaltigen Bauen, Sanieren und Wohnen – für Laien und Fachleute.

www.hybridbox.ch 

Das Projekt wurde zudem am 6. März 2020 in der Sendung Schweiz Aktuell auf SRF 1 vorgestellt: www.srf.ch  Suchbegriff «CO2-Ausstoss eines Mietshauses» eingeben.

Die Hybridbox, die neue Energiezentrale im Haus. BILD ZVG