• Tierfreundliches Bauen hat Potenzial

Tierfreundliches Bauen hat Potenzial

19.05.2020 JUDITH SUPPER, Journalistin

Was wäre, wenn die Bruthilfe für das Rotkehlchen nicht ein extern platzierter Fremdkörper, sondern unmittelbarer Teil der Hausfassade wäre? Auf dieser Frage basiert das stadtplanerische Konzept «Animal-Aided Design» (AAD, «tierunterstütztes Entwerfen»). Es würde die Rotkehlchen-Nisthilfe von Beginn an in die Hausplanung einbeziehen. Als Konzept zielt AAD darauf ab, wildlebende Tiere dauerhaft in städtischen Freiräumen anzusiedeln. Die Ansprüche der Tiere werden dabei genauso beachtet wie diejenigen der Menschen. Noch bevor es also an Ausschreibungen für Wettbewerbe oder die Ausgestaltung von Gebäuden geht, wird der soziale Aspekt – welche Tiere denn im Wohnumfeld erwünscht sind – in Einklang gebracht mit den biologischen Voraussetzungen. Dabei bezweckt das bauliche Ergebnis mehr als nur Tieren eine Heimat zu bieten. Es ermöglicht es dem Menschen, im direkten Wohnumfeld mit der Natur in Kontakt zu treten.

Kein Zufall

AAD ist das geistige Kind des Landschaftsarchitekten Thomas E. Hauck von der Universität Kassel sowie von Wolfgang W. Weisser, Inhaber des Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie an der Technischen Universität München. Beschränkt AAD die gestalterischen Möglichkeiten der Architekten? Keinesfalls, sagt Thomas E. Hauck. «Mithilfe von AAD setzt sich der Planer mit den Ansprüchen einer Tierart auseinander und stellt sicher, dass die beabsichtigten Arten im konkreten Fall auch tatsächlich vorkommen können, anstatt wie üblich das Tiervorkommen dem Zufall zu überlassen», schreiben die beiden in ihrer Projektbroschüre 2015. «Die Bedürfnisse der Tiere dienen dabei als Inspiration, und nicht als Einschränkung der Gestaltung. » Das Konzept ist hauptsächlich im städtischen Raum einsetzbar und findet beispielsweise bei der Umgestaltung von Quartieren, der Umsetzung von Biodiversitätsstrategien auf Projektebene oder anderen grossangelegten Planungen Verwendung.

 

In den ersten vier Jahren haben sich in der Fröschmatt 125 Tierarten angesiedelt – unter ihnen Vögel und Eidechsen. BILDER JUDITH SUPPER

Modell für eine ganzheitliche Wohnbaupolitik

Gebäude, die nach AAD-Kriterien errichtet sind, haben beispielsweise Niststeine für Höhlenbrüter in der Fassade. Die Gebäudehüllen sind poröser. Hier knüpfen Efeu und Wilder Wein dichte Teppiche, was Vögeln einen Schutz- und Brutraum gibt. Dächer sind begrünt, und zwar mit einer so grossen Substrathöhe, dass Wildbienen Brutgänge bauen können. Ein Wohnungsbauprojekt nach AAD-Grundsätzen ist letztes Jahr in München entstanden. Im Stadtbezirk Laim wurden 99 Wohnungen in drei Gebäuden mit je fünf Geschossen gebaut. Sperlinge, Mauersegler, Igel und Fledermäuse finden in den direkt in die Häuserfassaden integrierten Nistkästen, Fledermauseinbausteinen und sogenannten Igelschubladen Platz.

Ende 2012 begann die Sanierung der Fröschmatt in Bern. Mit ihrem neu gestalteten Innenhof ist die städtische Siedlung ein Modell für eine ganzheitliche Wohnbaupolitik – zwar nicht im Zusammenhang mit AAD, doch einige Kernideen wurden übernommen. Den 4000 m² grossen Aussenraum planten Fachleute und künftige Bewohner gemeinsam – seine Umgestaltung sollte zwingend der Förderung der Biodiversität dienen. Dazu wurden im Vorfeld bestimmte tierische Zielarten, vor allem gefährdete, definiert. «Mit der Nachverdichtung gehen in den Städten immer mehr Flächen verloren», erklärt Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie der Stadt Bern. «Wir wollten herausfinden, ob sich diese durch die Einbindung von Abstandsgrün kompensieren lassen. Was haben die Bewohner, was haben die Tiere davon?»

 

Typisches Element der Fröschmatt sind unbefestigte Wege. Hier kann Regenwasser versickern. Strukturreiche Pflanzungen mit Wild- und Wiesenkräutern, Sträuchern und Büschen prägen das Bild der Wohnsiedlung. BILDER SABINE TSCHÄPPELER, STADTGRÜN BERN

Nie war der grüne Aussenraum wichtiger

Eine erste Erfolgskontrolle gab es nach eineinhalb Jahren, die zweite nach vier Jahren. «Bei der ersten liess sich feststellen, dass wir 75 Tierarten im Gelände hatten. Zur zweiten hatten sich schon 125 Arten angesiedelt. Das ist weitaus mehr, als wir es zu Beginn angestrebt hatten.» Eine Umfrage unter den Bewohnern des Quartiers ergab, dass 89 Prozent der Befragten die Aussenraumgestaltung gut oder sehr gut gefällt. Für Sabine Tschäppeler wenig überraschend: «Angesichts des Artenschwunds sind die Menschen alarmiert. Gleichzeitig hat sich gerade jetzt in der Corona-Krise gezeigt, wie wichtig es dem Menschen ist, etwas anzupflanzen und zu pflegen.» Mehr als die Hälfte der befragten Fröschmatt-Mieter nutzen den Aussenraum regelmässig, 34,5 Prozent manchmal. «Allein durch den Einbezug der Bewohner in die Planung hat sich ein soziales Netz gebildet, das durch die gemeinsamen Aktivitäten immer enger wird.» Müssten sie umziehen, würden 93 Prozent ein ähnliches Umfeld bevorzugen. Einen Ortswechsel wünscht sich aber kaum jemand. «Die Fluktuation ist äusserst gering.»

Wesentlich geringere Kosten

Obwohl bei der Planung und Ausgestaltung der Fröschmatt zusätzliche Fachpersonen erforderlich und die Prozessabläufe teils komplex waren, fielen im Vergleich zu einer konventionellen Aussenraumgestaltung keine Mehrkosten an. Im Gegenteil. «Wird naturnah gebaut, ist die Aussenraumgestaltung sogar günstiger. Es braucht keine asphaltierten Flächen, es braucht weniger Spielgeräte », so die Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie der Stadt Bern. Dies auch zum Vorteil der Mieter. Dass sie die Pflege des Aussenraums übernehmen, hat einen direkten Einfluss auf die Nebenkosten. Im Fall der Fröschmatt machen die jährlich wiederkehrenden Pflegekosten weniger als ein Drittel derjenigen einer konventionellen Umsetzung aus.

In eine Fassade integrierte Fledermausquartiere. BILD STUDIO ANIMAL-AIDED DESIGN
Neu konzipierte Igelschublade. Beides AAD-Planung in Kooperation mit dem LBV München, Architektur bogevischs büro, Bauherr Gewofag. BILD STUDIO ANIMAL-AIDED DESIGN