• Was ist sinnvoller – stärker dämmen oder erneuerbar heizen?

Was ist sinnvoller – stärker dämmen oder erneuerbar heizen?

15.04.2020 MICHAEL STAUB, Journalist BR, Kriens

Bei energetischen Sanierungen sollte zuerst die Gebäudehülle ertüchtigt und erst dann eine neue Heizung eingebaut werden. Hohe Kosten für eine Gesamtsanierung schrecken jedoch viele Eigentümerschaften ab. Wie sinnvoll ist in dieser Situation ein reiner Heizungsersatz?

Als die energetischen Anforderungen an Gebäude ab den 1980er-Jahren sukzessive verschärft wurden, konzentrierte man sich vor allem auf den Wärmebedarf. Der schnellste Weg, um diesen zu senken, war eine Verbesserung der Gebäudehülle. Augenfällig ist diese Entwicklung bei den Aussenwänden. Während in den 1970erund 1980er-Jahren noch Dämmstärken von ungefähr acht bis zehn Zentimetern üblich waren, sind es heute längst 20 Zentimeter. Rasant verlief die Entwicklung auch bei den Fenstern: Modelle mit energetisch günstiger Dreifachverglasung kosten heute so viel, wie vor zehn Jahren noch für eine normale Zweifachverglasung zu berappen war.

Dämmen oder Heizung ersetzen?

Zwar senkt eine gedämmte Gebäudehülle den Energiebedarf und damit auch den Öl- oder Gasverbrauch. Der CO2-Ausstoss fossiler Heizungen kann damit also gesenkt werden. Doch um die Klimawende zu schaffen, wird das kaum ausreichen. «Die Zeit drängt, denn in den kommenden 25 Jahren müssen in der Schweiz rund 1,5 Millionen fossile Heizungen ersetzt werden», sagt Martin Ménard. Er ist Partner und Berater bei der Lemon Consult AG und kennt die Sorgen und Nöte vieler privater Hauseigentümer aus erster Hand. «Die Mehrkosten für die Umstellung der Heizung von fossilen auf erneuerbare Energieträger sind beachtlich. Damit die Gebäudeeigentümer mitmachen, müssen die Kosten der erneuerbaren Heizsysteme noch weiter sinken. Zudem müssen bürokratische Hürden möglichst abgebaut und die Fördermittel erhöht werden», meint Ménard.

In diesem Zusammenhang ist das Impulsprogramm «erneuerbar heizen » interessant. Es wurde vom Bundesamt für Energie (BFE) per 1. Januar 2020 lanciert. Damit will das BFE Bauherrschaften ermutigen, ihre fossile Heizung durch ein System mit erneuerbarem Energieträger zu ersetzen. Über die Website des Programms können Hauseigentümer eine Fachperson aus ihrer Region finden und eine Impulsberatung buchen (siehe Kasten rechts). Diese umfasst eine Zustandsaufnahme von Gebäude und Heizung, eine Abklärung der Rahmenbedingungen und konkrete Vorschläge für die Heizungssanierung. In den meisten Kantonen wird die Impulsberatung mit einem Betrag von ca. 300 bis 450 Franken subventioniert. Ausserdem haben einzelne Kantone ihre Förderbeiträge für den Heizungsersatz deutlich erhöht. Seit letztem Jahr unterstützt zum Beispiel der Kanton Bern den Umstieg von einer Öl- oder Gasheizung auf eine Wärmepumpe mit mindestens 10 000 Franken. 

Haus oder Heizung?

Soll man im Zweifelsfall also zuerst einmal die Heizung ersetzen? So einfach sei es nicht, sagt Marcel Truninger. Er ist Leiter Region Ost und Mitglied der Geschäftsleitung bei Elco. Wärmepumpen seien komplexe Systeme, die optimal auf ihr Einsatzgebiet abgestimmt werden müssten, sagt Truninger: «Wenn das Gebäude nachträglich gedämmt wird, ist die Leistung der Wärmepumpe vielfach zu gross. Die Wärmepumpe ist falsch dimensioniert, dadurch ist der Wirkungsgrad nicht optimal. Es braucht somit zu viel Strom, um die Wärme zu erzeugen.» In Gesprächen mit privaten und institutionellen Eigentümern hat Truninger jedoch festgestellt, dass die Sanierung fossiler Heizungen oft aufgrund der Investitionskosten angegangen wird. Statt zuerst die Dämmung zu verbessern und danach eine Heizung mit erneuerbarem Energieträger zu installieren, wird häufig ein 1:1-Ersatz mit einem neuen Öl- oder Gaskessel vorgenommen. In Kantonen, welche die Energievorschriften (MuKEn 2014) noch nicht umgesetzt haben, und das sind die meisten, ist dies noch erlaubt. Nach Meinung von Marcel Truninger wird sich dies in absehbarer Zeit ändern: «Sobald die MuKEn überall umgesetzt sind, ist mit dem 1:1-Ersatz ohne weitere Massnahmen Schluss. Dann werden viele Eigentümerschaften ihre fossilen Kessel vermutlich noch einige Male reparieren lassen, bevor sie schliesslich ein modernes Heizsystem einbauen. Technologiewechsel brauchen etwas Zeit, aber früher oder später sind sie Realität.»

Eine «richtige» Sanierung, also die energetische Ertüchtigung der Gebäudehülle vor dem eigentlichen Heizungsersatz, ist mit hohen Kosten verbunden. Diese halten viele Bauherren und Investoren von einer umfassenden Modernisierung ab. «Das Kostenproblem ist bekannt. Eine Heizung zu ersetzen, ohne die Gebäudehülle zu modernisieren, scheint uns aber wenig sinnvoll», sagt Urs Hanselmann, Projektleiter Technik beim Branchenverband Gebäudehülle Schweiz. Deshalb empfiehlt er eine dreistufige Strategie: «Zuerst kommt die ganzheitliche Sanierung der Gebäudehülle, danach der Heizungsersatz inklusive Solarthermie. Als dritte Stufe sehen wir die Elemente Photovoltaik, Batteriespeicher und Smart Home.» Mit diesem «Königsweg e+» könne eine umfassende, etappierte Modernisierung des Gebäudes in Angriff genommen und auch finanziert werden.

Schwung für Wärmepumpen

Die Wahl des Heizsystems wird unter anderem vom kantonalen Energiegesetz beeinflusst. Denn bei einer Umsetzung der aktuellen Mustervorschriften der Kantone für den Energiebereich (MuKEn 2014) ist die Wahl des Heizsystems eingeschränkt. Eine aktuelle Studie (siehe Kasten links) im Auftrag der Energiedirektorenkonferenz zeigt nun eine interessante Entwicklung. In Kantonen, welche die MuKEn bereits umgesetzt haben, gibt es einen klaren Trend weg von fossilen Heizungen. So werden etwa im Kanton Luzern, dessen revidiertes Energiegesetz seit 2019 in Kraft ist, bei Umbauten kaum noch neue Gasheizungen eingebaut, während die Ölheizungen ganz verschwunden sind. Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass die MuKEn respektive die revidierten Energiegesetze weder Öl- noch Gasheizungen verbieten. Wer 10 Prozent des Wärmebedarfs mit erneuerbaren Quellen deckt (z. B. mit Solarthermie für die Warmwasseraufbereitung), darf nach wie vor eine fossile Heizung installieren. Offenbar neigen aber die meisten Bauherrschaften zu erneuerbaren Heizsystemen. 

«Welcher Energieträger der beste ist, muss von Fall zu Fall beurteilt werden. Die Eigentümerschaft hat hier, innerhalb gewisser Grenzen, immer noch eine Wahl», betont Marcel Truninger von Elco. Die finanziellen und regulatorischen Rahmenbedingungen legten jedoch eines nahe: «Wer die Betriebskosten eines Wärmeerzeugers über den ganzen Lebenszyklus betrachtet und die aktuelle Diskussion über das CO2-Gesetz im Hinterkopf verfolgt, wird eher auf erneuerbare Energieträger setzen.»

Nützliche Links

  • Als umfassende Zustandsaufnahme eines Gebäudes bewährt sich der Gebäudeenergieausweis GEAK plus. Er zeigt Status und Optimierungsmassnahmen sowohl für die Gebäudehülle wie für das Heizsystem. Eine Beratung kostet je nach Objekt ca. 1000 bis 2000 Franken. Viele Kantone und Gemeinden gewähren Hauseigentümern Kostenbeiträge: www.geak.ch 
  • Für das Dämmen von Keller- oder Estrichdecke, für die Ertüchtigung der Gebäudehülle sowie für den Heizungsersatz gibt es zahlreiche Förderprogramme auf Stufe Kanton und Gemeinde. Eine schnelle und umfassende Übersicht aller verfügbaren Programme bietet: www.energiefranken.ch 
  • Die neue Impulsberatung «erneuerbar heizen» des Bundesamtes für Energie (BFE) zeigt Hauseigentümern, wie sie ihre Heizung von fossilen auf erneuerbare Energieträger umstellen können. Der kantonale Beitrag an die Beratung beträgt in der Regel 300 bis 350 Franken. Auf der Programm-Website finden sich unter anderem ein Heizkostenrechner und eine Berater-Suche nach Postleitzahlen: www.erneuerbarheizen.ch 
  • Die Broschüre «Königsweg e+» des Branchenverbandes Gebäudehülle Schweiz zeigt, wie eine etappierte energetische Sanierung aussehen kann: www.gebäudehülle.swiss (Suchbegriff «Königsweg»)

STUDIE MUKEN

Die Datenanalyse «Auswirkungen der Heizungsersatzregelung der MuKEn auf die Wahl des Heizträgers » ist kostenlos verfügbar auf der Website der Energiedirektorenkonferenz: www.endk.ch (Suchbegriff «Auswirkungen»)

Im Heizraum ist das bestehende Gasgerät zwei innen aufgestellten Luft-Wasser-Wärmepumpen gewichen. Raumwärme und Warmwasser werden damit zu 100 Prozent mit Umgebungswärme erzeugt.